Weaving & Homage to the Square: Zwei neue Mutina-Kollektionen im Blick
Weaving von Neri & Hu: Was ein Geflecht über Fläche erzählt
Neri&Hu, das von Lyndon Neri und Rossana Hu geführte Design- und Forschungsbüro mit Sitz in Shanghai, arbeitet seit 2026 mit Mutina zusammen. Für Weaving diente die alte chinesische Kunst des Bambusflechtens als Ausgangspunkt. Das Interesse gilt dabei weniger dem Motiv als der Struktur: Ein Geflecht besteht aus Material und aus Zwischenraum, und erst beide zusammen ergeben das Bild. Die Kollektion abstrahiert diesen Rhythmus von Fülle und Leere zu einer grafischen Sprache. Farbe in den Zwischenräumen schafft eine zweite Ebene der Wahrnehmung und gibt der Fläche Tiefe. Der Leitgedanke der Gestalter: Wie ein einzelner Strang Rattan ist jedes Element nur eine Möglichkeit, und erst im Verbund wird daraus eine Fläche.
Interessant ist, wie konsequent sich das im Material fortsetzt. Fünf durchgefärbte Tonmassen bilden die Basis, jeweils mit feinen Farbschwankungen, die an die Reifung von Bambus erinnern. Eine transparente Glasur liegt darüber wie ein dünner Schleier. Die Elemente entstehen in eigenen Formen pro Format, damit die dreidimensionale Struktur präzise bleibt, und werden von Hand entformt. So bleiben die Kanten intakt, und kleine Unregelmässigkeiten gehören zum Ergebnis. Die drei Muster stehen für drei Flechttechniken: San Jiao (Dreieck), Si Fang (Quadrat) und Ba Leng (Achteck). Jedes setzt einen eigenen Rhythmus zwischen dichten und offenen Zonen. Technisch handelt es sich um durchgefärbte, unglasierte Feinsteinzeug-Tesserae von 9 mm Stärke, auf Netz gefasst und für Wand und Boden, innen wie aussen, geeignet.
Homage to the Square: Farbe als Wahrnehmungsfrage
Josef Albers, geboren 1888, lernte und lehrte am Bauhaus und prägte später die Kunstausbildung am Black Mountain College und in Yale. 1950 begann er die Serie Homage to the Square, an der er bis zu seinem Tod 1976 arbeitete. Immer dasselbe Prinzip: ineinander verschachtelte Quadrate, in jedem Bild neu eingefärbt. Das Motiv bleibt gleich, nur die Farben ändern sich, und gerade das macht sichtbar, was ihn interessierte. Farben verändern sich gegenseitig, wir sehen sie nie isoliert. Sein Buch Interaction of Color von 1963 hält diese Erkenntnis fest. Seine Frau Anni Albers, Textilkünstlerin und selbst eine zentrale Figur der Moderne, erforschte Material und Struktur im Gewebe, womit sich ein schöner Bogen zu Weaving schliesst.
Die Kollektion entstand mit der Josef & Anni Albers Foundation. Die Aufgabe war anspruchsvoll: Ein Gemälde lässt sich nicht einfach auf Keramik übertragen, denn Glasur verhält sich anders als Ölfarbe. Für die sieben Töne (Sea, Evergreen, Chocolate, Ice, Citron, Sage und Peach) waren deshalb lange Versuchsreihen mit Glasuren, Pigmenten und Brennprozessen nötig. Ziel war, innerhalb einer Fläche unterschiedliche Farbwerte zu erzeugen und dennoch Sättigung und Schärfe konstant zu halten. Waschungen, Überlagerungen und Glasuren bauen die Farbschichten auf, matte und glänzende Partien entstehen durch präzise Kontrolle der Materialreaktionen.
Auch das Format folgt der Vorlage. Das Quadrat von 15×15 cm ist bei Albers weniger Motiv als Versuchsanordnung, ein neutraler Rahmen, in dem sich Farbe beobachten lässt. Die Elemente bestehen aus glasiertem, nicht rektifiziertem Feinsteinzeug von 9 mm Stärke, das die natürlichen Schwankungen des Brandes zeigt. In den Mustern Dash und Dot wird das Quadrat wiederholt und variiert.
Zwei Wege, ein Verständnis von Keramik
Beide Kollektionen verbinden handwerkliches Wissen mit moderner Fertigung und sind frei von VOC. Vor allem aber nehmen sie ihre Vorlagen ernst: eine Handwerkstradition auf der einen, ein Lebenswerk der Farbforschung auf der anderen Seite. Diese Verbindung von Material, Technik und Gedankenarbeit schätzen wir an Mutina.
Die Muster beider Kollektionen liegen inzwischen in unserem Showroom in Zürich. Wer sie ansehen und anfassen möchte, kann gerne einen Termin vereinbaren.